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Es ist unglaublich. Es kann nicht
wahr sein. Ich liege an einem
weichen, fast weißen Sandstrand, die
Wellen plätschern leise vor sich
hin. Die Sonne strahlt mit
mediterraner Kraft auf mich herab,
im Schatten sind mindestens 30 Grad.
An der Promenade hinter mir stehen
mindestens vierzig Menschen am
Eisstand an. Ein ganz normaler
Sommertag? Ja, am Mittelmeer
vielleicht. Ich befinde mich aber in
England. In dem Land also, wo die
Menschen selbst im Hochsommer meist
mit Regencape in Burberrymuster
herumlaufen. Dort, wo die Laune
meist so unterkühlt ist wie das
Wetter. Dachte ich jedenfalls
bisher. Aber irgendwie ist alles
anders.
Flucht vor der Fußball-Euphorie
Nicht nur hier übrigens, sondern
auch zuhause: Es ist Juni 2006, in
Deutschland tobt die
Fußball-Weltmeisterschaft und alle,
ob Fußballfan oder nicht, toben mit.
Ich hingegen habe es vorgezogen,
mich aus der Gefahrenzone zu
verkrümeln und zu verreisen. Auf die
britische Insel - hier wird nämlich
garantiert nicht mehr von Fußball
geredet, seit die englische
Nationalmannschaft so unrühmlich
gegen Portugal verloren hat. Als
mein Vater vorschlug, ihn solle ihn
auf seinem Trip nach Cornwall im
Wohnmobil begleiten, war ich daher
sofort Feuer und Flamme. Seit er in
Rente gegangen ist, ist mein Vater
unglaublich spontan geworden und
bricht alle paar Wochen zu
irgendeiner Reise auf. Im Februar
war es Thailand, im April die
Toskana und nun eben im Juni
Cornwall.
Mit dem Camper über den Kanal
Um das riesige Wohnmobil über den
englischen Kanal zu schaffen, fuhren
wir daher in einem Tag und einer
Nacht in die französische Hafenstadt
Calais. Die wenig erfreuliche
Übernachtung an einer belgischen
Raststätte war mit einem Schlag
vergessen, als ich an Deck des
Fährschiffes stand: Kreischende
Möwen flogen über meinen Kopf, am
strahlend blauen Himmel tummelten
sich einige Schäfchenwolken und die
Sonne verpasste mir eine erste
rötliche Färbung. Je mehr ich die
französische Küste aus dem Blick
verlor, desto tiefer wurde das Blau
des Meers. Nach einigen Stunden
ruhiger Überfahrt sahen wir
schließlich die Kreidefelsen von
Dover: imposant! Auf dem britischen
Festland angekommen, stand meinem
Vater die erste Bewährungsprobe
bevor. Nämlich sein geliebtes
Wohnmobil sicher auf der linken
Seite der Straße zu fahren. Zu
meinem Glück meisterte er diese
Herausforderung souverän und
schaffte es, nur einmal auf der
gesamten Reise beim Abbiegen auf die
falsche Straßenseite zu gelangen.
Chapeau, Papa! Ich meine natürlich:
Congratulations!
Brighton, Perle des Südens
Da wir nur etwa eine Woche für die
Reise eingeplant hatten - mein
Semester an der Uni war schließlich
noch nicht zu Ende - konnten wir an
den vorher auserwählten Stationen
nur jeweils ein oder zwei Tage
bleiben. Genug, um England von einer
völlig anderen Seite kennen zu
lernen! Der erste Teil der Strecke
entlang der Südküste von England war
recht bergig und erstaunlich grün
bewachsen. Die erste Rast
verbrachten wir auf einem
Campingplatz bei Brighton, der
angeblichen Hauptstadt der Schwulen
und Lesben. Homosexuelle sah ich
jedoch wenige, die Stadt wimmelte
vor allem von Touristen. Darunter
schienen viele Engländer im Urlaub
zu sein, was eine These meines
Reiseführers bestätigte: Offenbar
verbringen viele Bewohner Londons
ihren Urlaub im eigenen Land und
fahren einfach die 200 Kilometer
nach Süden. Nicht zu Unrecht,
Brighton zeigte sich uns als äußerst
hübsche und unterhaltsame Stadt, die
sich entlang der befestigten
Strandpromenade hinzieht. Prunkvolle
Hotels und der geschmückte Pier
beweisen, dass sich hier die High
Society trifft. In den unzähligen
Bars und Pubs trafen wir allerdings
eher auf Studenten, Touristen und
andere Gestalten, die bis zur
Sperrstunde möglichst viel Bier in
sich hineinschütten wollten.
Romantik in Bournemouth
Unser nächstes Stopp, das Seebad
Bournemouth in der Grafschaft
Dorset, bot uns ein romantischeres
Bild vom Süden Englands. Hier ist
die Küste weniger gezähmt, statt
Promenade und Kiesstrand fanden wir
hier weiche, weiße Sandstrände an
der wilden, grün bewachsenen Küste
vor. Nur am Pier, wo das
Stadtzentrum an die See heranreicht,
wird die Gegend touristisch: Ein
riesiges Karussell und zahlreiche
Eis- und Souvenirstände verbreiten
hier Urlaubsflair. Besonders der
Strand hat es mir hier angetan: Wenn
ich auf dem Rücken im weichen Sand
lag und nichts als den knallblauen
Himmel über mir sah, dazu das
Kreischen der Kinder und der Möwen
in den Ohren, konnte ich mir ebenso
gut vorstellen, mich in Griechenland
zu befinden. Die Schönwetterperiode,
die während der ganzen WM andauerte,
hielt zu meinem großen Glück während
unserer gesamten Reise an. Auch in
Bournemouth war angesichts der
Temperaturen das Sommer-Feeling
ausgebrochen: Der Strand war von
morgens bis abends kilometerweit mit
Menschen gefüllt, auch in den Parks
lagen Einheimische auf Decken in der
Sonne. Das niedliche Stadtzentrum
mit seinen historischen Gebäuden war
auch bei über 30 Grad einen Besuch
wert, Eis und Erfrischungsgetränke
fanden wir natürlich an jeder
Straßenecke.
Zu Besuch bei Pilchers
Romanhelden
So beeindruckend sich der Süden
Englands bisher präsentiert hatte,
die größte Überraschung war für
meinen Vater und mich Cornwall. Als
eingefleischter
Rosamunde-Pilcher-Fan hatte ich ein
genaues Bild der Küste in meinem
Kopf: Hohe Klippen, eisige Gischt,
stahlgrauer Himmel. Nicht in diesem
Sommer! Die erste Überraschung war
der Weg bis zu unserem Campingplatz
in einem Örtchen namens Tintagel.
Die letzten Kilometer fuhren wir
einen maximal drei Meter breiten
Schotterweg entlang, der rechts und
links von hohen Büschen gesäumt war.
Weiß der Himmel, was wir bei
Gegenverkehr getan hätten. Die
zweite Überraschung war unser
Standplatz auf dem hübschen
Campingplatz, von dem wir einen
weiten Blick ins Tal und auf die
grünen Hügel im Hintergrund hatten.
Hochgefühl in Cornwall
Die dritte Überraschung schließlich
waren der Ort und die romantische
Umgebung, die wir bei mehreren
Spaziergängen erkundeten: Die hohen
Klippen gab es hier tatsächlich,
darauf weideten Schafe und sogar
einige Miniponys. Wer nicht
trittfest ist, sollte hier lieber
nicht spazieren gehen - und der
tiefe Abgrund hinunter ins Meer ist
ebenfalls nicht gesondert gesichert.
Wer baden gehen will, muss eine
lange Wanderung über die Hügel in
Kauf nehmen, bis man schließlich
über eine wackelige Holztreppe zum
Wasser herabklettern kann. Statt
einem Strand präsentierten sich uns
dort nur einige große schwarze
Steine, auf denen bereits mehrere
mutige Touristen ihre Badetücher
ausgebreitet hatten, um von dort aus
ins eisige Wasser zu waten. Der
Urlaubsort Tintagel versprühte dafür
einen erstaunlich touristischen
Charme: In urigen steinernen
Häuschen verkaufen die Einwohner
dort Souvenirs, Schmuck, Postkarten
und alles, was der Mensch nicht
braucht. Mein Vater und ich
schlenderten entspannt die einzige
Straße des Ortes auf und ab,
bewunderten die urigen Häuser mit
den mit Efeu zugewucherten Fassaden
und ließen uns schon mittags ein
Pint Bier aufschwatzen. Herrlich,
dieses Leben... Jedoch: So strahlend
sich der Sommer in Cornwall auch
präsentierte, im Winter ist das
Leben in dieser Einöde im letzten
Zipfel des Landes sicher kein großes
Vergnügen.
Back to Germany
Mit all diesen Eindrücken im Kopf,
einem schmerzenden Sonnenbrand auf
dem Rücken und vielen Ravioli-Dosen
weniger in den Vorratsschränken des
Campers kehrten mein Vater und ich
schließlich nach einer sonnigen
Woche nach Hause zurück - auf
demselben Weg, den wir gekommen
waren. Auf der Rückfahrt haben wir
schließlich aufgehört, uns über das
Urlaubsparadies England zu
wundern... Dafür konnten wir nicht
aufhören, von diesem fantastischen
Strand in Bournemouth zu schwärmen.
Fazit: Das Land ist wesentlich
besser als sein Ruf!
Dieser Reisebericht ist von Kathrin.
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